Das Beste daraus machen – und daraus lernen

Schule in Zeiten von Corona braucht viel Improvisationstalent von Lehrer*innen und Schulleitungen, von den Eltern und Schüler*innen. Was bisher ging, gibt es plötzlich nicht mehr, alles Bekannte muss umgestellt werden. Mit welchen Auswirkungen und Veränderungen müssen wir rechnen, welche Spätfolgen sind eventuell zu erwarten? Darüber haben wir (Sophie Tenbrink, kurz ST) mit Kirsten Laroussi (im Text KL), Schulleitung der Europagrundschule Siegfried-Drupp in Dortmund Scharnhorst, gesprochen.



Sophie Tenbrink (ST): Seit einiger Zeit befinden wir uns nun im zweiten Lockdown und die Schülerinnen und Schüler werden über Distanzunterricht beschult. Vor welchen Herausforderungen und Schwierigkeiten stehen Sie und Ihre Schule bei der der Umsetzung des Distanzunterrichts und der Digitalisierung?

Kirsten Laroussi (KL): Da ich 2016 angefangen habe, unsere Schule langsam zu einer digitalisierten Schule zu transformieren, sind unsere Schwierigkeiten und Herausforderungen nicht außergewöhnlich. Meine Lehrerinnen und Lehrer haben von 2017– 2019 über Erasmus+ an Lehrerfortbildungen in Schweden, Finnland, Italien und Portugal sowie Irland teilgenommen. Daraus wurden wöchentliche Mikrofortbildungen, die unsere gereisten Lehrerinnen und Lehrer unserem Schulteam vorstellten.

Als dann unsere Schule mit Ipads und Displays ausgestattet wurde, haben sich alle gefreut und es ging los. Heute, im Distanzunterricht, müssen wir nur die Kinder auffangen, die zuhause nicht ausgestattet sind. Es wurden Ipads für diejenigen ausgeliehen, die Internet haben, die anderen machen den Onlineunterricht in der Schule. Wir kommen mit unseren Geräten tatsächlich an unsere Grenzen und warten auf die versprochenen Schüler- und Lehrer-Ipads. Über schoolfox sind wir aber mit einem Großteil der Familien verbunden und es kommt zu einem guten Austausch. Es hat sich gezeigt, dass die Mischung zweimal 1,5 Std pro Tag online-Unterricht und weitere Aufgaben zuhause, für viele Kinder machbar ist und sie sich darüber freuen. Die Kinder lernen im Distanzunterricht auch selbständig zu arbeiten, lernen ihr eigenes Arbeitsverhalten kennen und übernehmen in Videokonferenzen kleine Unterrichtseinheiten. Es kann auch sein, dass die Kinder Samen bekommen, um die ersten Pflanzen zu ziehen oder dass sie ihr Lieblingsessen kochen und uns das Rezept verraten sollen. Der Unterricht kommt bei den Eltern gut an, die Kinder fühlen sich gesehen, sind mit ihren Freundinnen und Freunden verbunden und beteiligen sich an den Aufgaben. Schwierigkeiten werden natürlich genau da sichtbar, wo es sprachliche Barrieren gibt oder die Kinder besondere Förderung benötigen. Gerade hier sind ein besonders intensives Miteinander und der offene Austausch mit den Eltern wichtig. Es ist für alle eine besondere Zeit.

ST: Was sind Ihre persönlichen Herausforderungen als Schulleitung an Ihrer Schule?

KL: Meine persönliche Herausforderung war, dass ich nicht in die gleiche negative Schleife gehe und dem Virus Platz gebe wie die Medien. Ich bewahre die Ruhe, entscheide schnell, konsequent und informiere alle Eltern, schreibe den Lehrerinnen und Lehrern und informiere den Offenen Ganztag. Das bedeutet, ich lasse wenig Raum für Spekulationen und versuche, allen Handlungssicherheit zu geben. Auch die die Kinder wurden in der Präsenzzeit täglich sachlich informiert, um die Panikausbreitung zu vermeiden.

ST: Die Schule ist nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung, viel mehr auch ein Ort der sozialen Interaktion. Welche Auswirkung hat Ihrer Meinung nach der fehlende soziale Kontakt für die Schülerinnen und Schüler?

KL:Die Auswirkungen werden m.E. erst in einem Jahr richtig gesellschaftlich zuschlagen. Es ist nicht nur der fehlende Kontakt, es sind die fehlenden Berührungen, die fehlenden Umarmungen, die fehlende Nähe, wenn zwei Kinder flüstern, …es ist ein unfassbar emotionaler gesellschaftlicher Schaden, der entstanden ist und Folgen haben wird.

Nach dem ersten Lockdown kamen die Kinder unter den neuen Hygiene- und Abstandsregeln zurück. Häufiges, diszipliniertes Händewaschen, Masken, Kontakte in den Pausen auch nur mit Schülern aus der gleichen Klasse, keine Gruppenarbeiten mehr, auch in der OGS ähnliche, aber andere Regeln ... nichts war mehr so wie es war. Die Freude, wieder zur Schule gehen zu können, erstarb in dem, was sie jetzt dürfen bzw. in dem, was sie jetzt nicht mehr dürfen. Sie begannen zu funktionieren und wirkten fast emotionslos, wie eingefroren. Es wurde ruhig in der Schule. Kein kindliches Lärmen mehr auf den Gängen, kein Lachen, kein Toben - gespenstisch ... aber Verhaltensauffälligkeiten zeigten sich mehr und mehr. Deutliche Gewichtszunahmen, in sich zurück gezogene Kinder, aber auch aggressives Verhalten, dass sich meist beim Spielen mit Maske und Abstand in der OGS zeigte. Leider auch gemalte Bilder und Rollenspiele, die Schlimmstes vermuten ließen, was in der Zeit des Lockdowns passierte …

Die Kinder in unserem ersten Schuljahr durften kaum eine Gemeinschaft kennen lernen. Normalerweise werden im ersten Schuljahr Kommunikationsspiele, Erlebnispädagogik und Sozialkompetenztraining gemacht, nichts von dem war in der Form möglich. Yoga wird mit 10 Kindern in der großen Turnhalle gemacht, damit sich keiner berührt oder zu nah kommt. Atmosphärisch ein Drama. Natürlich hat unser Team wundervolle Dinge wie Waldspaziergänge mit landart, Filme mit greenscreen, damit alle einzeln aufgenommen werden konnten, gemacht. Sie waren ungeheuer kreativ, aber es war tatsächlich eine große Herausforderung.

ST: Wir alle hoffen, dass es bald wieder möglich ist den Unterricht sicher im Präsenz durchzuführen. Was erwartet die Lehrerinnen und Lehrer, wenn die Kinder nach der langen Zeit Distanzunterricht wieder in den Präsenzunterricht wechseln?


KL: Die Situation ist meines Erachtens alarmierend. Auch im Präsenzunterricht waren wir von einer „Normalität“ weit entfernt. Die Kinder sind unfassbar diszipliniert, weil sie Angst haben. Sie haben Angst, der Überträger zu sein und ihren Opa anzustecken, oder Angst, selbst zu sterben. Anfangs wurde ihnen viel erklärt, aber das TV zuhause, die Berichte im Radio, die Internetschlagzeilen prasseln ungefiltert auf sie ein. Kaum einer erklärt noch etwas kindgerecht. Die Politik reagiert wieder nicht auf die Situation, die Digitalisierung kommt zu spät, der Arbeitsschutz kommt zu spät (die Masken für die Lehreinnen und Lehrer kommen mit viel Glück nächste Woche – nur für Landesbedienstete) und für das Auffangen der Kinder in Form von Coaching für die Lehrkräfte, psychologische Vorbereitungen des OGS Teams, Coaching für Kinder, Kunsttherapie für Kinder ist nichts geplant. Projektgelder, BUT Gelder, Sponsorengelder müssten in die Hilfen gehen…und das sehr schnell.

Bei mir an der Schule habe ich das Kinder-und Jugendcoaching für unsere Schülerinnen und Schüler über Projektgelder installiert und wir konnten die Anträge auf Förderbedarf im emotional-sozialen Bereich in den letzten Jahren extrem reduzieren. Neben der Sonderpädagogin und des -pädagogen und der an manchen Schulen installierten Stellen der Schulsozialarbeit (an meiner Schule z.B. nicht) müssen weitere Professionen in die Schule, erst dann haben wir ein multiprofessionelles Team und bitte auf Augenhöhe.

Wichtig wäre es, die Kinder direkt auffangen zu können, ohne lange Anträge zu verfassen und auf Bewilligungen zu warten. Bei der Rückkehr in die Schule sollte nicht die Stoffvermittlung im Vordergrund stehen, sondern individuell beurteilt werden, wo das Kind steht und was es in dieser besonderen Situation braucht.

ST: Die Soforthilfe ist in der Wirtschaft schnell angekommen und lässt sich auf einfachem Wege beantragen. Im Bildungsbereich, bzw. vor allem an Schulen kommt die Unterstützung nur langsam an. Was braucht es, damit Schulen sicher und handlungsfähig werden? Wäre eine Art Soforthilfe etwas, womit den Schulen geholfen werden könnte? Wie müsste so eine Hilfe aussehen.

KL: Sofort geht in unserem System erfahrungsgemäß nichts. Die Bildung ist bekanntlich nicht das Wichtigste in Deutschland – leider. Ich hätte mir gewünscht, dass keiner gezögert hätte, die Lüftungsgeräte direkt anzuschaffen und die digitalen Geräte zur Verfügung zu stellen.  So hätten wir die Schulen öffnen und die Auswirkungen hätten etwas abgefedert werden können. Wünschenswert wäre auch eine bauliche Umstrukturierung. Da wir gerade in Baumaßnahmen stecken, wäre es ja theoretisch möglich, Luftfilteranlagen zu integrieren.

Ich würde mir wünschen, dass die Firmen die Schulen unterstützen, statt das große Geld machen zu wollen. Diese gesellschaftliche Not hat sich keiner gewünscht und nicht alle Firmen sind in Not…
Das Schulbudget hat sich in Hygieneartikel aufgelöst, das kann es echt nicht sein. Unsere Schule hat ja schon den absoluten Luxus, wir haben viele Projektbewilligungen, die Apps etc. waren angeschafft, andere Schulen warten auf den WLAN Anschluss…